Almendra Podcast · Anke Pörksen

„Erst entbürokratisieren,
dann digitalisieren."

Von Merle Becker · Almendra Podcast

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Digitalisierung ist keine technische Herausforderung. Sie ist eine politische Entscheidung — darüber, wer Zugang zu staatlichen Leistungen hat, wessen Daten wo gespeichert werden und ob Europa in einer Welt konkurrierender Mächte handlungsfähig bleibt.

Anke Pörksen ist Juristin, war zwölf Jahre Sprecherin der niedersächsischen Landesregierung und ist seit September 2025 Digitalisierungsstaatssekretärin im Niedersächsischen Ministerium für Inneres, Sport und Digitalisierung. Sie kam, wie sie selbst sagt, ein bisschen wie die Jungfrau zum Kind zu diesem Job. Aber vielleicht braucht man genau das: jemanden, der nicht aus der Technik kommt, sondern aus der Verwaltung, der Politik, dem echten Leben.

Anke Pörksen – Almendra Podcast

Den Rahmen ändern — nicht nur innerhalb des Rahmens optimieren

Thomas Dermine, Bürgermeister von Charleroi, hat im Almendra Podcast gesagt: Positiver Impact bedeutet, den ganzen Rahmen zu verändern — nicht nur innerhalb des Rahmens Dinge zu optimieren. Anke Pörksen übersetzt das ins Digitale mit einer klaren Priorität: Erst entbürokratisieren, dann digitalisieren.

Niedersachsen macht seit zwei Jahren ein Programm namens „Einfacher, schneller, günstiger". Verwaltungsprozesse werden analysiert, hinterfragt, vereinfacht — bevor sie digitalisiert werden. Denn komplizierte Prozesse zu digitalisieren ergibt keinen Sinn. Dann hat man nur komplizierte digitale Abläufe, die fehleranfällig sind und lange dauern.

„Komplizierte Prozesse zu digitalisieren macht gar nicht so viel Sinn. Dann sind das auch komplizierte digitale Abläufe, die fehleranfällig sind und lange dauern."

400 Kommunen in Niedersachsen, 93 in Dänemark — kein Zufall, sondern Kontext

Niedersachsen ist ein Flächenland mit enormer Heterogenität: über 400 Kommunen, industrielle Zentren und strukturschwache Regionen, Städte mit IT-Abteilungen und Kreise, in denen eine einzige Person nebenbei die IT betreut. Dänemark — oft als Vorbild genannt — hat insgesamt 93 Kommunen. Das ist keine Ausrede, aber es ist Kontext.

Anke Pörksen hat eine Taskforce aufgebaut: 30 hochmotivierte junge Menschen, die Hürden beim Online-Stellen von Verwaltungsleistungen abbauen und Kommunen dabei helfen, das zu schaffen, was sie sonst alleine nicht hinbekommen hätten. Gleichzeitig arbeiten die IT-Dienstleister der Kommunen enger zusammen — weil sie selbst gemerkt haben: zusammen geht es einfacher.

„Digitale Teilhabe ist auch demokratische Teilhabe."

Anke Pörksen · Almendra Podcast

Wer nicht mitkommt — ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen, Menschen mit Sprachbarrieren — darf nicht zurückgelassen werden. Der Kreis Lüchow-Dannenberg, strukturschwach und dünn besiedelt, zeigt, dass das kein Widerspruch sein muss: Mit einem Terminal im Kreishaus und jemandem an der Seite können auch Menschen ohne digitale Vorerfahrung ihre Anträge online stellen.

Warum Niedersachsen digitalisiert — das eigentliche Warum

Es geht nicht um Effizienz als Selbstzweck. Es geht darum, dass bald nicht mehr genug Menschen da sein werden, um die Verwaltungsleistungen zu erbringen, die die Bevölkerung dringend braucht. Viele der in den 1960er Jahren Geborenen gehen in Rente. Das trifft die kleinen Kommunen am härtesten.

„Wir brauchen den Human in the Loop — den Menschen in der Bearbeitung. Aber einfache Dinge können wir auch an den Computer abgeben."

Im Kreis Lüchow-Dannenberg überprüft KI bereits, ob eingereichte Anträge vollständig sind, und fordert fehlende Unterlagen automatisch nach. Die Mitarbeitenden bekommen fertig ausgefüllte Anträge — mit einer Empfehlung zur Entscheidung. Das Prinzip dahinter ist nicht, Menschen zu ersetzen, sondern ihnen Raum zu geben, sich um das Wesentliche zu kümmern.

Europa besitzt weniger als 2 % der Cloud-Infrastruktur

Europa erwirtschaftet fast 25 Prozent der weltweiten Cloud-Umsätze — und besitzt weniger als zwei Prozent der Infrastruktur. Seit dem Amtsantritt der neuen US-Regierung ist das keine abstrakte Debatte mehr. Die Nähe der großen Tech-Unternehmen zur Trump-Administration ist enorm. Der CLOUD Act erlaubt amerikanischen Behörden, auf Daten zuzugreifen, die US-Unternehmen verwalten — auch wenn diese physisch auf europäischen Servern liegen.

Anke Pörksen plädiert für kleine, konkrete Schritte: die Bürokommunikation auf OpenDesk umstellen, alles was mit staatlichem Geld entwickelt wird als Open Source verfügbar machen und europäische Softwarelösungen anderer Länder übernehmen — aus Spanien, Estland, Dänemark — statt das Rad immer wieder neu zu erfinden.

„Alles, was mit staatlichem Geld entwickelt worden ist, sollte für alle verfügbar sein. Das ist überhaupt nicht nachzuvollziehen, warum das nicht so ist."

Palantir — und was danach kommen muss

Niedersachsen hat sich als eines der wenigen Bundesländer konsequent gegen den Einsatz von Palantir bei der Polizei entschieden. Die Begründung: das Risiko eines Datenflusses in die USA — und die Forderung, dass Datenverarbeitung nachvollziehbar und beherrschbar bleiben muss. Andere Länder wie Hessen, Bayern und NRW nutzen die Software bereits.

Anke Pörksen ist überzeugt: Die Skepsis gegenüber Palantir wächst. Und Niedersachsen arbeitet bereits daran, gemeinsam mit anderen eine europäische Alternative zu entwickeln — eine, bei der die Daten in Europa bleiben und trotzdem effektive Strafverfolgung möglich ist. Ihre Schätzung: zwei bis drei Jahre. Ihre Kolleg:innen lächeln weise, wenn sie das sagt.

„Meine Kolleginnen und Kollegen lächeln weise und sagen: Anke will mit dem Kopf durch die Wand."

Leuchttürme: Schleswig-Holstein, Estland, Dänemark

In Sachen Souveränität ist Schleswig-Holstein das Vorbild innerhalb Deutschlands — das Land ist mutig vorangegangen und hat andere überzeugt. Thüringen macht pragmatische Schritte in dieselbe Richtung. Mit europäischem Blick schaut Anke Pörksen nach Estland und Dänemark, beide mit Respekt und einem kleinen Neid: Dänemark hat ein einziges Portal mit einem einheitlichen Identifikationsmechanismus, der nicht nur für staatliche Leistungen gilt, sondern auch für Bankgeschäfte und Versicherungen — und weil man ihn so oft nutzt, hat man ihn wirklich im Kopf und im Griff.

Was es braucht, damit gute Entscheidungen keine Ausnahmen bleiben: mehr gesamteuropäisches Commitment, öffentliche Aufträge für europäische Unternehmen und die Bereitschaft, die bequeme Komfortzone hinter sich zu lassen — auch wenn das am Anfang Geld kostet und sich ungewohnt anfühlt.

Das Lied für schwierige Tage

Almendra fragt am Ende immer nach einem Song, der motiviert. Anke Pörksen hat selten schwierige Tage — sie hat, nach eigener Aussage, eher zu viel Energie, seit einem kleinen Herzfehler, der drei Jahre lang nicht erkannt wurde und dann behoben wurde. Aber wenn es doch mal vorkommt, hört sie „Von guten Mächten wunderbar geborgen" — ein Gedicht von Dietrich Bonhoeffer, geschrieben 1944 in der Gefangenschaft, wenige Wochen vor seiner Hinrichtung, und vertont von Siegfried Fietz. Ein hoffnungsvolles Gebet für schwierige Zeiten, das man sich am besten im Chor anhört — und das jetzt auf der Almendra-Playlist zu finden ist.


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Dietrich Bonhoeffer / Siegfried Fietz — „Von guten Mächten wunderbar geborgen"

Jetzt auf der Almendra-Playlist · 1944

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Merle Becker

Merle Becker ist Moderatorin, Speaking Coach und Gründerin von Merle.Community. Sie hostet den Almendra Podcast gemeinsam mit Bernard Lecuivre.