„Rassismus bringt uns allen etwas bei" — Karim Fereidooni im Gespräch | Almendra Podcast

„Rassismus bringt uns allen etwas bei"
Karim Fereidooni im Gespräch

Von Merle Becker  ·  Almendra Podcast

Episode mit Prof. Dr. Karim Fereidooni — Rassismus, Bildung, Stadtbilder

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Rassismusforscher Prof. Dr. Karim Fereidooni im Almendra-Podcast: Was meint „wir sind alle rassistisch sozialisiert"? Über Kulturrassismus, Friedrich Merz, Bildungspolitik — und die Frage, ob eine rassismusfreie Gesellschaft überhaupt denkbar ist.

Es gibt Vorträge, die bleiben. Vor einiger Zeit habe ich eine Keynote gehört, die mich noch tagelang beschäftigt hat. Der Vortragende war Prof. Dr. Karim Fereidooni, Professor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität Bochum. Er hat die Bundesregierung im Kabinettsausschuss zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus beraten, war Mitglied im Expert:innenkreis Muslimfeindlichkeit des Bundesinnenministeriums und hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des nationalen Aktionsplans Integration begleitet.

In diesem Gespräch für Almendra haben wir das getan, was ich mir von einem solchen Gespräch erhofft hatte: nicht definiert, sondern seziert.

Zitat Prof. Dr. Karim Fereidooni: Ich glaube wirklich, dass Friedrich Merz kognitiv im Sauerland der 1970er Jahre stehen geblieben ist. Er ist kein Kanzler, der für eine Migrationsgesellschaft solidarisch handeln kann.

Wir sind alle rassistisch sozialisiert — aber nicht alle gleich

Das ist der Satz, mit dem Karim Fereidooni seine Vorträge oft eröffnet, und der fast immer denselben Reflex auslöst: „Ich doch nicht." Dabei geht es ihm nicht darum, alle Menschen pauschal als Rassisten zu bezeichnen.

Was er meint, ist struktureller: Rassismus ist ein Lernprozess, dem wir alle ausgesetzt sind — von Kindheit an, durch Schule, Medien, Sprache, Familien. Manche lernen dabei, dass sie mehr wert sind als andere. Manche lernen, dass sie weniger wert sind. Beides formt Menschen, beides hat Konsequenzen.

Fereidooni erzählt, wie Lehrkräfte gelacht haben, als er sagte, er wolle Abitur machen. Nicht aus Bösartigkeit, sondern weil Rassismus ihnen beigebracht hatte, dass jemand, der so aussieht wie er, keinen höchsten Schulabschluss anstrebt. Und ihm hatte Rassismus beigebracht, dass diese Reaktion normal ist — dass sein Wunsch eine Erklärung braucht.

„Der eine hat mich ausgelacht, weil er gelernt hat: Diejenigen, die so aussehen wie Fereidooni, können froh sein, wenn sie einen niedrigen Schulabschluss bekommen."

Dass er heute Professor ist, hat an dieser Grundkonstruktion für manche nichts geändert. Er erzählt von seiner Grundschullehrerin, die zum Vortrag kam und ihm nachher sagte, sie habe ja schon immer gewusst, dass er das schaffen würde. Und dass seine Mutter als Zeugin daneben stand, die sich an damals noch gut erinnern konnte. Der Mechanismus, den Fereidooni darin sieht: Karim ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Wer ihn als Ausnahme einordnet, muss sich selbst nicht hinterfragen.

Klassischer Rassismus, Kulturrassismus, sekundäre Rassismuserfahrung

Ein wichtiger Teil des Gesprächs ist Fereidoonis Ausdifferenzierung dessen, was wir „Rassismus" nennen. Diese Unterscheidungen helfen zu verstehen, warum Rassismus so häufig nicht erkannt wird.

Biologistischer Rassismus

Der klassische Rassismus geht von unterschiedlichen Rassen aus und ordnet sie in eine Hierarchie nach Hautfarbe. Je heller, desto wertvoller, schöner, intelligenter, demokratischer. Fereidooni betont: Biologisch gibt es keine menschlichen Rassen — das belegt etwa die Jena-Erklärung führender Biologinnen und Biologen von 2019. Aber das Denken in Rassen wurde uns über Jahrhunderte beigebracht, und es sitzt tief: auch in Familiengeschichten, in Schönheitsidealen, in Bleaching-Produktmärkten.

Kulturrassismus

Kulturrassismus braucht keine Rassekonstruktion mehr. Er homogenisiert und wertet ab über Kultur, Sprache und Religion. „Die afrikanische Kultur passt nicht nach Deutschland" — eine Aussage, die erstens so tut, als gäbe es „die afrikanische Kultur", und zweitens bestimmten Menschen abspricht, jemals rechtmäßig Deutsche sein zu können.

Primäre und sekundäre Rassismuserfahrung

Primäre Rassismuserfahrungen sind direkte Angriffe oder Ausschluss. Sekundäre Rassismuserfahrungen entstehen, wenn man jemandem von diesen Erlebnissen berichtet und das Gegenüber sagt: „Stell dich nicht so an, das war doch nicht so gemeint." Diese Aberkennung von gelebter Realität ist, so Fereidooni, für viele Betroffene mindestens genauso belastend wie die ursprüngliche Erfahrung.

Friedrich Merz und die Stadtbilddebatte: Eine Entlastungsfunktion für Rassismus

Fereidooni zeigt, wie öffentliche Aussagen von Politikerinnen und Politikern zwei Funktionen gleichzeitig erfüllen können: eine für den Rassismusdiskurs, eine für den Sexismusdiskurs.

Die Aussage von Merz, seine Töchter hätten Angst vor Männern, die so aussehen wie Fereidooni, funktioniert nach dieser Analyse so: Weißdeutsche Frauen müssen Angst haben vor bestimmten Männern, egal wie diese sich verhalten. Und Männer, die so aussehen wie Merz, müssen sich nicht mit Sexismus auseinandersetzen — das ist nicht deren Problem.

„Ich muss mich ständig rechtfertigen. Manche fangen bei null an, manche fangen bei minus 100 an."

Das Bild, das dabei entsteht, findet sich auch in Testingstudien: Auf dem Wohnungsmarkt, auf dem Arbeitsmarkt und auf Dating-Plattformen werden Menschen mit muslimisch gelesenen Namen schlechter behandelt — unabhängig von Leistung, Aussehen oder Qualifikation. Außer, und das ist die andere Seite der Medaille, wenn Fereidooni seinen Professorentitel voranstellt. Dann kehrt sich das Blatt, weil ein anderes Ungleichheitssystem in Kraft tritt: Klassismus.

Wird Rassismus sichtbarer oder stärker? Beides, sagt die Forschung

Fereidoonis Antwort ist präzise: beides. Die Zahlen der Mitte-Studie, einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, belegen, dass rassistische Einstellungen zugenommen haben. Gleichzeitig ist die öffentliche Sensibilität größer als je zuvor in der bundesdeutschen Geschichte. In den 80er und 90er Jahren wurden ähnliche Aussagen gemacht, ohne medialen Aufschrei. Heute müssen sich Kanzler mehrfach erklären.

Er beschreibt, wie manche Menschen in seinem Umfeld einen Plan B vorbereiten, Deutschland verlassen wollen. Und wie andere sagen: jetzt erst recht. Er selbst gehört zur zweiten Gruppe. Seine Familie ist vor der Islamischen Republik Iran nach Deutschland geflohen. Er hat hier studiert, promoviert, eine Professur erkämpft.

„Ich habe schon mal eine Heimat verloren. Ich werde das Feld nicht räumen."

Über Rassismus reden: Im Einzelgespräch, nicht am Kaffeetisch

Eine der praktischsten Fragen des Gesprächs: Wie erkläre ich dem Onkel bei Kaffee und Kuchen, warum Rassismus auch ihn betrifft?

Fereidooni ist da ehrlich: Dieses Setting ist fast immer zum Scheitern verurteilt. Wer als einzige Person das Wort Rassismus in eine Runde von zehn Familienmitgliedern einbringt, hat binnen fünf Minuten alle gegen sich. Die Dynamik dreht dann nicht mehr um die Argumente, sondern darum, wer das Gesicht verliert.

Seine Empfehlung: das erste Gespräch im Einzel, nie in der Gruppe. Und dann: nicht mit dem erhobenen Zeigefinger beginnen, sondern mit der eigenen Geschichte.

„Ich bin nicht der Oberlehrer. Ich fange auch mit meiner Familie an."

Das hat eine Brückenfunktion, sagt er. Wer die eigene Lernkurve zeigt, signalisiert: Scheitern gehört dazu. Das macht das Gespräch möglich, ohne den anderen in die Verteidigung zu treiben.

Was im Bildungssystem fehlt

Als Bildungswissenschaftler hat Fereidooni einen klaren Wunsch: Rassismus, Klassismus, Antisemitismus und Queerfeindlichkeit in die Lehrer:innenausbildungsgesetze aller Bundesländer schreiben. Schulbücher ändern, sodass Rassismus nicht auf Rechtsextremismus reduziert wird, sondern Alltagsrassismus ebenso erklärt wird. Und Lehrpläne anpassen.

Die Hauptverantwortung, so Fereidooni, tragen Lehrkräfte. Sie sind freiwillig im Job, sie bekommen Geld dafür. Das unterscheidet sie von Schülerinnen und Schülern. Und genau deshalb sollten sie auch mit dem Thema umgehen können.

Gibt es eine Gesellschaft ohne Rassismus? Nein — und das ist kein Scheitern

Fereidooni glaubt nicht, dass wir jemals eine rassismusfreie Gesellschaft erreichen werden. Und er hält das für die ehrlichste Aussage, die man treffen kann. Wer sagt, er habe Rassismus überwunden, hört auf zu lernen. Denn Rassismus verändert sich — so wie sich Gesellschaft verändert, so wie KI heute neue Ausschlussmöglichkeiten schafft, die vor zehn Jahren unvorstellbar waren.

Was bleibt, ist Sensibilität. Und Vergebung. Sich selbst zu verzeihen, wenn man einen Fehler gemacht hat. Anderen zu verzeihen, wenn sie sich wirklich verändern wollen.

„Nett sein zu sich und zu anderen — wenn man merkt, die Menschen haben sich verändert und wollen wirklich lernen."

Wo anfangen? Drei Empfehlungen aus dem Gespräch

  • Erst bei sich selbst anfangen. Die Frage „Was hat Rassismus mir beigebracht, obwohl ich nicht rassistisch sein will?" ist der erste Schritt — nicht der letzte.
  • Tupoka Ogettes Bücher und Lerntagebücher lesen. Zugänglich, ohne 10.000 Fußnoten, und trotzdem mit echtem Impact.
  • Geduld mit sich und anderen haben. Wer 50 Jahre lang etwas als normal gelernt hat, ändert das nicht in sechs Wochen.

Die Almendra-Playlist aus dieser Episode

Karim Fereidooni hört, wenn er einen schwierigen Tag hat:


Links & Quellen

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