„Ich will mir keine Angst machen lassen" — Pheline Roggan im Gespräch | Almendra Podcast

„Ich will mir keine Angst machen lassen"
Pheline Roggan über Haltung, Sichtbarkeit und Verantwortung

Von Merle Becker  ·  Almendra Podcast

Episode mit Pheline Roggan — Haltung, Sichtbarkeit, Verantwortung, Impact

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Schauspielerin, Aktivistin, Mitgründerin von Changemaker Film: Pheline Roggan im Almendra-Podcast über das F*ck-AfD-Statement auf der Berlinale, grünes Drehen als Gesetz, Klimaangst als Antrieb — und die Frage, warum die Filmbranche endlich zeigen sollte, wie Zukunft aussehen kann.

Es gibt Gesichter, denen man begegnet und die immer da sind, wo es darauf ankommt. Pheline Roggan ist eines davon. Man kennt sie aus dem Tatort, aus Fatih Akîns Soul Kitchen, aus der Kultserie Jerks. Aber wer genau hinschaut, sieht sie auch auf Klimakonferenzen, auf Demos gegen rechts, auf dem roten Teppich — mit einer Kette, die ein eindeutiges Statement ist. Schauspielerin und Aktivistin: Für Roggan ist das kein Widerspruch, sondern eine Konsequenz.

Dieses Gespräch hat mich auf eine Art beschäftigt, die ich nicht erwartet hatte. Nicht wegen der großen Themen — Klimakrise, Demokratie, Backlash von rechts — sondern wegen der Art, wie Roggan über den Weg dorthin spricht. Ohne Heldennarrative. Mit viel Ehrlichkeit über Angst, Überforderung und das Glück des richtigen Moments.

Pheline Roggan im Almendra Podcast-Gespräch mit Merle Becker
„Ich möchte mir keine Angst machen lassen. Angst kann man haben — aber ich will nicht, dass sie mich bestimmt."

Eine Kette, ein Statement, eine Debatte

Es war die Berlinale, und die Frage, ob AfD-Abgeordnete zu einer der bedeutendsten Kulturveranstaltungen Deutschlands eingeladen werden sollten, stand im Raum. Roggan wollte hingehen — aber nicht einfach in einem schönen Kleid dastehen und schweigen. Also ließ sie sich in fünf Tagen vom Schmuckdesigner Jonathan Johnson eine Kette fertigen. Die Aufschrift war unmissverständlich. Bela B. von den Ärzten hat sie inzwischen auch getragen.

Die Reaktionen? Im echten Leben nur Zustimmung. Im Internet das Erwartbare: laute, brachiale Beleidigungen, die aus organisierten Chatgruppen kamen. Roggan beschreibt, was viele kennen, aber selten so präzise benennen: Dass eine einzige niederträchtige Nachricht mehr Aufmerksamkeit beansprucht als hundert zustimmende Herzen. Dass man weiß, was dahintersteckt — Algorithmen, die Empörung befüern — und trotzdem trifft es einen.

„Wenn ich auf die Straße gehe und mich umschaue, funktioniert das hier eigentlich ganz gut. Und dann denke ich: Das sind wahrscheinlich häufig die gleichen Menschen."

Was sie dabei beobachtet hat: Bedrohungen, bei denen Leute wussten, in welchem Stadtviertel sie wohnt. Nichts, was sie gelahmt hat — aber genug, um zu verstehen, auf welchem Niveau sich Luisa Neubauer oder Dilan Yesilgöz täglich bewegen. Roggan lässt das nicht unkommentiert. Und sie hört trotzdem nicht auf.

2019, eine Tochter, und die Klimaangst als Wendepunkt

Der Ausgangspunkt ihres Aktivismus ist nicht abstrakt. Es war 2019, Fridays for Future, eine damals noch sehr kleine Tochter — und ein Moment, in dem das Ausmaß der Klimakrise und das Ausmaß der Untätigkeit gleichzeitig ankam. Roggan beschreibt das nicht als Erleuchtung, sondern als Panik. Als Zustand der Ohnmacht, aus dem sie einen Ausweg suchen musste.

Der Weg heraus war pragmatisch: Sie schaute sich um, wo sie stand. Sie war Schauspielerin. Sie kannte die Filmbranche. Also fing sie dort an.

„Man hat immer den größten Hebel in seinem eigenen Wirkungskreis — dort, wo man die Leute kennt, wo man die Strukturen kennt."

Was sie vorfand, war ernüchternd: kaum Zahlen, kaum Bewusstsein. Dass eine einzige Tatort-Produktion so viel CO² verursacht wie zehn bis siebzehn Deutsche im Jahr. Dass auf einem englischen Filmset so viele Plastikwasserflaschen verbraucht werden wie 168 Menschen durchschnittlich in einem Jahr. Dass man mit dem Strom einer Großproduktion fünf Tage lang den Times Square beleuchten könnte.

Changemaker Film: Wie aus Panik ein Gesetz wurde

2020 gründete Roggan gemeinsam mit anderen Kolleg:innen Changemaker Film — eine Initiative für nachhaltiges Produzieren in der Filmbranche. Der Anfang war unbehaglich: Eine Selbstverpflichtung, gemeinsam mit allen Gewerken entwickelt, wurde in der Süddeutschen Zeitung zerpflückt. Ein Schock. Und gleichzeitig der Moment, der ihnen Sichtbarkeit und Rückhalt aus der Branche brachte.

Daraufhin wurden sie in den Arbeitskreis Green Shooting eingeladen — als einzige ohne Konzernhintergrund, als freie Radikale, die aufpassen sollten, dass aus dem Prozess kein Greenwashing wird. Was folgte, waren jahrelange Verhandlungen, in denen um einzelne Begriffe gerungen wurde. Roggan beschreibt das mit einer Nüchternheit, die man nach solchen Erfahrungen entwickelt: Jeder Konsens ist ein Kämpfer, auch wenn er von außen wie Weichspülung aussieht.

Das Ergebnis: Das Filmförderungsgesetz in Deutschland schreibt heute vor, dass jeder Film, der mit staatlichen Fördergeldern produziert wird, ökologische Richtlinien einhalten muss. Auf den Sets wird Müll getrennt. Wegwerfbecher verschwinden. Standards haben sich verändert — und nach einer Weile meckert tatsächlich niemand mehr.

„Wir haben das aus einer eigenen Panik gemacht — und drei Jahre später haben wir ein Gesetz mitgeschrieben, an das sich jetzt alle halten müssen."

Warum Kino Zukunft zeigen muss — und es gerade nicht tut

Eine der schärfsten Beobachtungen des Gesprächs betrifft nicht Aktivismus, sondern Erzählung. Roggan beschreibt eine deutsche Medienlandschaft, in der die Klimakrise in Kinofilmen und Fernsehproduktionen schlicht nicht vorkommt. Figuren fliegen in den Urlaub, fahren große Autos, leben in einer Welt ohne Dürre, ohne Flut, ohne Schneemangel an Weihnachten. Ihre Tochter, acht Jahre alt, kennt keinen verschneiten Winter.

Das, so Roggan, macht Filme zu einer Art Science-Fiction — nicht weil sie futuristisch sind, sondern weil sie eine Realität abbilden, die es so nicht mehr gibt. Und weil das Kino eine Möglichkeit hat, die keine andere Branche hat: Es kann Welten zeigen, die noch nicht existieren.

„Statt Eskapismus in die gute alte Zeit: mehr positive Vision von einer guten Zukunft für alle."

Eine Stadt nach der Verkehrswende. Kinder, die auf der Straße spielen, ohne dass Eltern Angst vor Autos haben müssen. Nicht als Propagandafilm — sondern einfach als Hintergrund einer Geschichte. Sichtbar gemacht, damit man sich vorstellen kann, was möglich wäre. Denn wer sich eine bessere Zukunft nicht vorstellen kann, kämpft auch nicht für sie.

Alles hängt zusammen: Klima, Feminismus, Seenotrettung

Roggan ist nicht jemand, der sich auf ein Thema festlegt. Klimakrise, Gleichberechtigung, Seenotrettung, Antirassismus — sie sieht das nicht als Themenchaos, sondern als ein zusammenhängendes System. Die Klimakrise verschärft soziale Konflikte. Wenn Ressourcen knapper werden, wenn Lebensgrundlagen wegfallen, werden alle anderen Ungleichheiten größer. Und alle diese Themen werden gerade von rechtsaußen in eine Ecke gedrängt und angegriffen.

Ihr Fazit: Wer sich engagiert, sollte sich zusammentun — über Themen hinweg. Nicht weil alles gleich ist, sondern weil die Angriffe die gleichen sind. Changemaker Film versucht deshalb, NGOs verschiedener Bereiche zusammenzubringen. Stärke durch Verbindung.

In zehn Jahren ist meine Tochter volljährig

Die persönlichste Frage des Gesprächs: Was möchte Roggan ihrer Tochter sagen können, wenn die in zehn Jahren volljährig wird? Sie antwortet ohne Pathos. Dass der Rechtsruck in Europa vorbei ist. Dass es Nachtzüge gibt und ein funktionierendes europäisches Bahnnetz. Dass Bürger:innenräte echte Entscheidungsmacht haben. Dass das, was in Deutschland durch Changemaker Film erämpft wurde, auch in anderen Ländern gilt — denn in Belgien, wo sie gerade gedreht hat, werden noch immer Plastikbecher in dieselbe Tonne geworfen wie Glasflaschen.

Und dann sagt sie etwas, das einen Moment lang hängenbleibt: Kinder schmeißen keinen Müll auf die Straße. Kinder wollen keine Tiere essen. Kinder lieben die Natur. Diese Haltung verlieren wir erst später wieder. Vielleicht liegt die Antwort auf viele unserer Fragen darin, genauer zu schauen, was Kinder schon wissen.

„Wenn es nach denen geht, wenn die irgendwann an die Macht kommen — dann ist alles in Ordnung."

Was bleibt: Drei Gedanken aus dem Gespräch

  • Veränderung beginnt dort, wo man ohnehin schon wirkt. Roggan hat nicht ihre Karriere aufgegeben. Sie hat in der Filmbranche angefangen — dem einzigen Ort, den sie von innen kannte. Das ist kein Kompromiss, sondern Strategie.
  • Gesetze sind möglich — auch wenn man klein anfängt. Aus einer Selbstverpflichtung, die in der Süddeutschen Zeitung zerrissen wurde, ist drei Jahre später ein verbindliches Gesetz geworden. Das ist keine Ausnahme. Das ist, wie Veränderung oft funktioniert.
  • Man muss sich die Zukunft vorstellen können. Joseph Beuys hat das gesagt — Roggan wiederholt es, weil es stimmt. Wer keine positive Vision hat, kämpft für nichts. Das Kino könnte diese Visionen liefern. Es tut es bisher zu selten.

Die Almendra-Playlist

Songs, die unsere Gäst:innen in schwierigen Momenten begleiten — gesammelt aus allen Episoden. Pheline Roggans Beitrag: „Sugar on My Tongue" von Tyler, the Creator.


Links & Quellen

Das vollständige Gespräch anhören — auf Spotify, Apple Podcasts, Deezer und Amazon Music.

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