Almendra Podcast · Ann Christin Kornelsen

„Moore sind richtige
Superhelden."

Von Merle Becker · Almendra Podcast

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Im August hat an der belgisch-deutschen Grenze das Hohe Venn gebrannt. In den Nachrichten lief das unter Waldbrand. Gebrannt hat aber ein Moor, und in einem Moor brennt der Boden selbst.

Ann Christin Kornelsen ist Moorwissenschaftlerin. Sie war wissenschaftliche Leitung des Europäischen Fachzentrums für Moor und Klima, forscht an der Universität Osnabrück zu Paludikultur und Torfmoosen und hat 2022 gemeinsam mit Alex Kornelsen die gemeinnützige Organisation Mission to Marsh gegründet. In dieser Folge erklärt sie, warum ein Moorbrand monatelang weitergeht, was von 3.000 verbrannten Hektar zurückzuholen ist und warum unsere wirksamsten Klimahelfer ausgerechnet die sind, die niemand fotografiert.

Ann Christin Kornelsen – Almendra Podcast

Wenn Moore brennen, brennt der Boden

Bei einem Waldbrand brennt, was oben steht. In einem Moor liegt unter der Vegetation Torf, und Torf besteht aus Kohlenstoff, der sich über Jahrtausende dort angesammelt hat. Er brennt entsprechend gut. Vor allem aber brennt er nach innen: Das Feuer zieht sich in den Boden zurück und schwelt dort weiter, auch wenn an der Oberfläche längst nichts mehr zu sehen ist.

„Da hat nicht nur ein Wald gebrannt, da hat ein Moor gebrannt."

Das macht die Löscharbeiten so zäh. Man kann ein Moorfeuer nicht oberflächlich ausmachen und dann abziehen. Es braucht Wochen und Monate, in denen kontrolliert wird, ob aus dem Boden wieder neue Feuer nach oben kommen. Im Hohen Venn haben rund 3.000 Hektar gebrannt, ein großer Teil davon intaktes Hochmoor.

Warum ausgerechnet das Hohe Venn

Die taz sprach von einem ökologischen Totalschaden, ein belgischer Forstbeamter von einem unwiderruflichen Verlust. Aufgeben sei ein hartes Wort, sagt Ann Christin. Aber das Hohe Venn war eines der größten intakten Hochmoorgebiete, die wir in dieser Region hatten. Was dort jetzt steht, sieht aus wie eine Mondlandschaft, und die Fläche ist für Jahrzehnte verloren.

Dabei war das Venn seit Jahren ein großes Renaturierungsprojekt. 674 Kilometer Entwässerungsgräben wurden dort geschlossen, um das Moor wieder aufzubauen. Und trotzdem hat es gebrannt. Der entscheidende Punkt: Das Feuer ist nicht auf der intakten Fläche entstanden. Es hat dort begonnen, wo entwässert worden war, und ist von dort übergegriffen.

„Nasse Moore brennen nicht, weil eben so viel Wasser da ist."

Ein intaktes Moor kann zu 90 Prozent aus Wasser bestehen, und man kann trotzdem darauf laufen. Wo Menschen dieses Wasser abgelassen haben, um das Land nutzbar zu machen, wird der Torf angreifbar. Kommt dann ein trockener Sommer dazu, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein Feuer auf Torf trifft und richtig stark brennt. Die Indizien im Venn sprechen dafür, dass auch die Brandursache menschengemacht war.

Vier Superkräfte, die nur im nassen Zustand funktionieren

Wir leben in einer Zeit, in der mehrere Krisen ineinandergreifen: Klimawandel, kranke Böden und Gewässer, Artensterben. Gegen alle drei gibt es eine natürliche Teillösung, und das sind intakte Moore.

Sie nehmen Wasser auf wie gigantische Schwämme und schützen so vor Fluten und Hochwasser. Sie geben es wieder ab, wenn wir es am dringendsten brauchen, in Dürreperioden. Sie filtern es dabei und sorgen für sauberes Wasser in Flüssen, Seen und im Grundwasser. Und sie sind Hotspots der Artenvielfalt: Insekten und Amphibien, die die Grundlage unserer Nahrungskette bilden, sind dort zu Hause.

Dazu kommt der Kohlenstoff. Kein anderes Ökosystem in unseren Breiten speichert auf so kleinem Raum so viel davon. Diese Fähigkeiten haben Moore allerdings nur im intakten Zustand.

„Das sind richtige Superhelden, wenn sie intakt sind."

Ann Christin Kornelsen · Almendra Podcast

Das Imageproblem: Moorleichen und Mücken

Warum reden wir dann so viel über Wälder und so wenig über Moore? Ein Wald steht imposant in der Landschaft, man erkennt ihn sofort. Über 90 Prozent der deutschen Moore sind trockengelegt, wir gehen an ihnen vorbei, ohne sie zu bemerken.

Dazu kommt, was Moore in unseren Köpfen auslösen. Ich war als Grundschulkind einmal im Moor, und wir haben die ganze Zeit über Moorleichen geredet. Gruselig war das. Genau dieses Bild prägt unseren Alltag, in Filmen und Büchern: Nebel, Mücken, Gefahr im Untergrund. Es stimmt nur nicht. Wer einmal morgens im Nebel durch ein Moor gegangen ist und die Kraniche gehört hat, weiß das.

„Nur was ich kenne, das kann ich lieben. Und nur was ich liebe, das möchte ich beschützen."

Wie man ein Moor zurückholt

Zerstörte Moore sind immer noch Moore, nur eben keine natürlichen mehr. Was ein Moor ausmacht, ist der Torf im Boden, und der ist auch unter einem Acker oder einem Fichtenforst noch da. Der Großteil der deutschen Moorflächen wird heute land- und forstwirtschaftlich genutzt, dazu kommen Torfabbau für Erden und Substrate und Flächen, die überbaut sind.

Die Wiederherstellung läuft in zwei Schritten. Zuerst muss die Vegetation herunter, die dort nicht hingehört. Dann wird die Entwässerung gestoppt und die Gräben werden geschlossen. Und dann kommt das Wasser von allein zurück.

„Wie bei einer Badewanne, wo ich den Stöpsel wieder reinsetze."

Bei einem guten, regenreichen Winter kann das sehr schnell gehen. Wichtig ist nur, dass das Wasser nicht wieder auslaufen kann. Bis die typischen Moorpflanzen zurück sind, dauert es mehrere Jahre. Beschleunigen lässt sich das, indem man Torfmoose gezielt auf der Fläche ausbringt.

Entscheidend für die Klimabilanz ist der Zeitpunkt, an dem das Wasser zurückkommt. Trockene Moore sind keine Senken mehr, sie geben Kohlenstoff ab, weil der Torf zersetzt wird. Stoppt die Entwässerung, stoppen diese Emissionen recht zeitnah. Bei einem Wald dauert es viele Jahre, bis die Bäume groß genug sind, um überhaupt als Senke zu funktionieren.

Warum Moorschutz manchmal bedeutet, Bäume zu fällen

Dass man für Klima- und Naturschutz Bäume entfernen soll, ist für viele Menschen zunächst schwer auszuhalten. Ann Christin hat dafür ein Bild, das hängen bleibt: Ein Baum steckt im Moor wie ein Strohhalm. Wer daran saugt, zieht das Wasser aus der Fläche.

Das gilt nicht pauschal, es gibt Moore, in denen Bäume zu Hause sind. Die Hochmoore in Niedersachsen sind von Natur aus baumfrei, offene und weite Flächen. Wer einmal gesehen hat, wie so eine Fläche aussieht, wenn das Wasser zurück ist, versteht, warum die Fichten dort nicht hingehören.

Und ein verbranntes Moor?

Die Fläche im Hohen Venn ist groß, und es wird viele Jahre dauern. Wie viele, hängt davon ab, wie viel Unterstützung die Behörden und Naturschutzorganisationen vor Ort bekommen. Wenn niemand etwas tut, braucht die Natur sehr lange, um diese Prozesse selbst wieder in Gang zu setzen. Es gibt Moorbrände, die Jahre zurückliegen und deren Flächen immer noch aussehen wie eine Mondlandschaft.

Welche Maßnahmen dort konkret richtig sind, will Ann Christin bewusst nicht aus der Ferne beurteilen. Jedes Moor ist anders, und im Venn arbeiten Menschen, die das Gebiet seit Jahrzehnten kennen. Was jetzt hilft, ist Geld für genau diese Organisationen, weil sie am besten entscheiden können, wo es gebraucht wird.

Eine Geschichte aus dem Venn ist ihr trotzdem wichtig. Dort wurde über Jahre versucht, das Birkhuhn wieder anzusiedeln. Viele der ausgesetzten Tiere haben den Brand nicht überlebt, ihre Peilsender senden nicht mehr. Ein einziges Birkhuhn konnten die Einsatzkräfte retten. Für die Population dort sieht es schlecht aus. Dass Feuerwehrleute mitten in einem solchen Einsatz die Kapazität für dieses eine Tier hatten, macht trotzdem etwas mit einem.

Mission to Marsh: ein Seitenhieb Richtung Mars

Ann Christin und Alex Kornelsen haben sich auf Tinder kennengelernt, mitten in der Corona-Zeit, als man ohnehin nur nach draußen konnte. Sie hat ihn mit ins Moor genommen. Er ist Marketing-Experte und suchte eine Aufgabe, bei der seine Fähigkeiten etwas Gutes bewirken. Irgendwann bat er sie um einen knackigen Pitch: Warum sind Moore so toll?

„Es gibt kein anderes Ökosystem hier bei uns, das auf so kleinem Raum so viel Kohlenstoff speichern kann. Moorschutz ist Klimaschutz."

Alex hatte viel über Nachhaltigkeit gelesen. Moore kamen darin praktisch nicht vor. Daraus wurde eine gemeinnützige GmbH. Der Gedanke dahinter: Statt Bäume in weit entfernten Regionen zu pflanzen, gibt es hier vor der Haustür genug zerstörte Moore.

Der Name ist ein Seitenhieb in Richtung derjenigen, die auf einem weit entfernten roten Planeten nach Wasser suchen, um dort eine Zukunft zu haben. Marsh ist eine Form von Feuchtgebiet. Überall dort, wo Menschen intakte Ökosysteme mit viel Wasser vorfanden, sind sie sesshaft geworden. Feuchtgebiete sind der Ursprung unserer Zivilisation.

Die Ablasshandel-Frage

Mission to Marsh arbeitet mit Unternehmen. Wie verhindert man, dass daraus ein Freikaufen wird? Ann Christin geht die Frage direkt an. Klassischer Ablasshandel funktioniert über Zertifikate: Kohlenstoff einsparen, weitermachen wie bisher. Freiwillige Kohlenstoffzertifikate gibt es auch im Moorschutz.

Ihr Ansatz ist ein anderer. Moorschutz ist für sie mehr als Kohlenstoff, es geht um die ganze Bandbreite der Superkräfte: Biodiversität, Wasserfilterung, Grundwasserneubildung. Und die Zusammenarbeit soll in der Unternehmensstrategie verankert sein statt in einer Einmalzahlung. Dazu gehören Vorträge, der Kinofilm, Teambuilding-Aktionen mit der Belegschaft und die Erwartung, dass auch die Geschäftsführung einmal in Gummistiefeln im Moor mit anpackt.

Dass das trägt, hat sich früh gezeigt. Am Anfang standen ein Gründungsstipendium der N-Bank und die Zusage von Patagonia über das Programm 1% for the Planet. Heute schützt zum Beispiel der Ökostromanbieter ENTEGA mit jedem Neukunden einen Quadratmeter Moor.

Wo wir in zehn Jahren stehen

Wenn Deutschland 2040 oder 2050 klimaneutral sein will, müssen die Moore bis dahin nass sein. Die Emissionen aus trockengelegten Moorböden können wir uns dann nicht mehr leisten, sie müssen wieder zu Senken werden.

Ann Christins große Hoffnung liegt dabei nicht auf der Entvölkerung ganzer Landstriche. Auf vielen dieser Flächen wird Landwirtschaft betrieben, und dafür gibt es ein Konzept: Paludikultur, von palus, dem Sumpf. Moore werden wiedervernässt und bleiben wirtschaftlich nutzbar. Das nimmt gerade spürbar Fahrt auf.

„Unsere Superhelden sind nass."

Ann Christin Kornelsen · Almendra Podcast

Das Lied für schwierige Tage

Almendra fragt am Ende immer nach einem Song, der weiterhilft. Abgesehen von den Kinderliedern, die bei zwei kleinen Kindern im Auto laufen, empfiehlt Ann Christin Dominik Eulberg. Er ist Biologe und DJ, macht elektronische Musik und schreibt Songs für einzelne Vogelarten. Was sie daran mag, ist die Verbindung: starker Bass und der Gedanke, Tieren eine Stimme zu geben. Ihre Empfehlung für die Almendra-Playlist ist der Mix „Rohrdommel".


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Dominik Eulberg · „Rohrdommel"

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Merle Becker

Merle Becker ist Moderatorin, Speaking Coach und Gründerin von Merle.Community. Sie hostet den Almendra Podcast gemeinsam mit Bernard Lecuivre.