„Es ist immer besser, zusammen zu singen, als aufeinander zu schießen" — Klaus Meine im Gespräch | Almendra Podcast

„Es ist immer besser, zusammen zu singen,
als aufeinander zu schießen"

Klaus Meine im Gespräch

Von Merle Becker  ·  Almendra Podcast

Episode mit Klaus Meine — Wind of Change, Musik als Brücke, 60 Jahre Scorpions

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Klaus Meine, Sänger der Scorpions, im Almendra-Podcast: über Wind of Change und den Sommer 1989 in Moskau, die Entscheidung den Song nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine neu zu schreiben — und die Frage, ob Musik mehr verändert als Politik.

Es gibt Songs, die größer werden als ihre Entstehung. Wind of Change von den Scorpions ist einer davon. 1990 veröffentlicht, wurde er zur Hymne einer Zeitenwende — und ist es bis heute: über eine Milliarde Klicks auf YouTube, einer der ganz wenigen Songs aus Europa, die diese Marke geknackt haben. Klaus Meine, Sänger und Texter der Scorpions, hat ihn geschrieben. Und 2022 hat er ihn umgeschrieben.

Klaus Meine, Sänger der Scorpions, im Gespräch mit Merle Becker für den Almendra Podcast

Das Gespräch für Almendra beginnt mit einer Bitte: Kannst du kurz pfeifen? Klaus Meine kann. Er feuchtet kurz die Lippen an und spielt die bekannteste Melodie der deutschen Rockgeschichte. Dann reden wir über alles, was dahintersteckt.

„Die besten Songs entstehen, wenn sie tief aus dir drinnen kommen und einfach das ausdrücken, was du fühlst, was du empfindest und was du selbst erlebt hast."

Moskau 1989: Ein russisches Woodstock

Die Vorgeschichte beginnt 1988. Die Scorpions spielten zehn Konzerte in Leningrad — als eine der ersten westlichen Bands überhaupt in der Sowjetunion. Ein Jahr später folgte das Moscow Music Peace Festival. Hunderttausende Fans im Stadion, Soldaten als Security — die ihre Jacken ausgezogen und ihre Caps in die Luft geworfen haben, sobald die Band auf die Bühne ging. Bon Jovi, Ozzy Osbourne, Mötley Crüe. Und mittendrin: eine Band aus Hannover, deren Eltern noch im Zweiten Weltkrieg in Russland gewesen waren.

„Unsere Eltern sind mit Fernseher gekommen — wir kommen mit Gitarren", sagt Meine. Das Gefühl, das er von dieser Reise mitbrachte, fasste er in einem Song zusammen. Das Pfeifen war kein Kunstgriff, sondern Improvisation: Er hatte gerade keine Gitarre zur Hand.

„Did you ever think that we could be so close, like brothers? — Das war das Gefühl nach all den Jahren des Kalten Krieges."

Dass der Song eine Hymne werden würde, hatte niemand geplant. „Zunächst mal war es ja nur ein Song unter vielen für unser damaliges Album Crazy World", sagt Meine. Was ihn von den anderen Songs aus dem gleichen Moment unterschied: Für die amerikanischen Bands war Moskau ein Konzert. Für die Scorpions war es etwas anderes — es war Geschichte.

2022: Als der Song nicht mehr unbeschwert zu singen war

Im Februar 2022, kurz nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine, saß die Band in Las Vegas und arbeitete an ihrer Setlist. Wind of Change stand darauf — wie immer. Und dann die Frage, die sich Klaus Meine nicht mehr verdrängen konnte: Kann man diesen Song mit den Zeilen „I follow the Moskau down to Gorki Park" einfach so singen, während jeden Abend Bilder aus der Ukraine durch die Nachrichten laufen?

Die Antwort war nein. Entweder den Song komplett weglassen — oder die Zeilen neu schreiben. Meine entschied sich für das Zweite. Die neuen Zeilen drücken Solidarität mit der Ukraine aus. Die Band trug die Entscheidung mit.

„Wenn sich die Situation so grundlegend ändert und man sieht, so viele Menschen müssen jeden Tag sterben in einem sinnlosen Krieg — dann kann man so einen Song auch nicht mehr unbeschwert singen."

Die Reaktion des Publikums war überall dieselbe: Verstehen. Die Fans haben die neuen Zeilen mitgesungen. Kritik kam auch — von denen, die die ikonischen Originalzeilen für unangreifbar hielten. Meine hält dagegen: Ein Song, der aus einem echten Erlebnis entstanden ist, muss auch auf veränderte Realitäten reagieren können.

Sind die Scorpions eine politische Band?

Klaus Meine würde sagen: nein. Und gleichzeitig: Wind of Change war nicht der erste politische Song. Schon 1984 hatte er auf dem Album Love at First Sting einen Song namens Crossfire geschrieben — über das Gefühl, zwischen Ost- und Westblock zu stehen und auf Frieden zu hoffen. Den haben sie 40 Jahre später auf ihrer Jubiläumstour zum ersten Mal live gespielt. Er passte wieder.

Die Frage, die im Gespräch entsteht, ist eine ältere: Kann man überhaupt Musik für ein großes Publikum machen, ohne politisch zu sein? Meine ist ehrlich: Eine Band ist kein Einzelkünstler. Fünf Menschen müssen hinter einer Aussage stehen. Das macht es schwieriger — und wenn es trotzdem gelingt, stabiler.

„Sowas kann man nicht planen. Hilft auch das beste Marketing nicht. Sowas kann man auch nicht wiederholen."

Musik als Sprache, die alle verstehen

Was Meine immer wieder beschreibt, ist weniger ein politisches Programm als eine physische Erfahrung: Vor der Bühne stehen Menschen aus Tel Aviv und aus Beirut und singen dieselben Songs mit denselben Emotionen. Die Nachrichten zeigen abends eine andere Welt. Im Konzert sind sie für zwei Stunden zusammen.

Das nennt er selbst „naiv". Aber er meint es nicht abwertend. Es ist vielleicht das Einzige, was eine Band, die seit 60 Jahren Musik macht, wirklich anbieten kann: den Moment, in dem die Trennungen nicht mehr gelten.

„Es ist immer besser, zusammen zu singen, als aufeinander zu schießen."

Diese Sätze klingen einfach. Aber sie kommen von jemandem, der in Leningrad gespielt hat, als das noch nicht möglich schien, der 1989 im Moskauer Stadion stand, als die Soldaten ihre Jacken ausgezogen haben — und der 2022 einen Song neu geschrieben hat, weil er ihn nicht lügen lassen wollte.

60 Jahre Scorpions: Was hält eine Band zusammen?

Rudolf Schenker hat die Scorpions 1965 gegründet. Klaus Meine kam einige Jahre später dazu. Was die Band über sechs Jahrzehnte zusammengehalten hat, ist nach Meines Aussage keine Formel, sondern Freundschaft — und eine produktive Spannung zwischen zwei sehr verschiedenen Menschen: Schenker, der Rockgitarrist mit dem Riff-Instinkt. Meine, der Romantiker, dem die Balladen gehören.

Dass sie in Deutschland anfangs kaum wahrgenommen wurden, während die Neue Deutsche Welle die Charts dominierte, hat sie früh nach außen getrieben: nach Belgien, nach Japan, in die USA. Den Madison Square Garden haben sie ausverkauft, als zu Hause niemand zuhörte. Belgien, sagt Meine, hat dabei eine besondere Rolle gespielt — Clubs in Namur, in Liège, gute Kritiken, ein erstes Gefühl von Bestätigung.

„Als Deutsche hatten wir nichts, worauf wir stolz sein konnten — also haben wir uns den Zuspruch im Ausland gesucht."

Drei Gedanken aus dem Gespräch

  • Ein Song kann nicht mehr als seine eigene Entstehung. Wind of Change ist geworden, was er ist, weil er aus einem echten Moment kam — nicht weil jemand eine Hymne schreiben wollte. Das lässt sich nicht wiederholen und nicht planen.
  • Haltung kostet etwas. Die Entscheidung, den Song 2022 neu zu schreiben, war keine leichte. Sie hat Kritik provoziert. Und sie war trotzdem die einzig mögliche.
  • Manchmal reicht ein Lächeln. Klaus Meine beschreibt, wie er gelernt hat, dass eine riesige Produktion nicht nötig ist, um Menschen zu erreichen. Augenkontakt. Verbindung. Das übersetzt sich in keine Setlist.

Die Almendra-Playlist

Klaus Meines Beitrag: The Long and Winding Road von den Beatles — „weil das ganz gut zu unserem Thema passt."


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