Almendra Podcast · Eva-Maria Verfürth
„Wenn Wahrheit unscharf wird" — Eva-Maria Verfürth im Gespräch
Episode mit Eva-Maria Verfürth — Desinformation, Demokratie, Journalismus
▶ Episode anhörenDesinformation ist laut World Economic Forum die zweitgrößte kurzfristige Bedrohung für Gesellschaften weltweit — noch vor Extremwetterereignissen, noch vor bewaffneten Konflikten. Eva-Maria Verfürth, Chefredakteurin von E+Z und D+C, kennt dieses Terrain seit mehr als 15 Jahren. Im Gespräch erklärt sie, warum das keine akademische Frage ist, sondern eine politische.
Fake News, Desinformation, Fehlinformation — was meinen wir eigentlich?
Fast alle verwenden die Begriffe synonym. Eva-Maria Verfürth nicht. Die Unterscheidung ist ihr wichtig, weil sie den Unterschied zwischen einem Irrtum und einer Waffe beschreibt.
Fehlinformation ist ein Versehen: jemand hat sich vertan — mit einer Zahl, einer Quelle, einem Kontext. Desinformation ist gezielt: eine verbreitete Unwahrheit, die Menschen in die Irre führen soll. Fake News ist ein unspezifischer Oberbegriff, der beides vermischt. Dazwischen liegt noch eine dritte Kategorie, für die das Deutsche kaum einen Begriff hat: Malinformation. Informationen, die technisch stimmen, aber durch Weglassen, selektive Hervorhebung oder fehlenden Vergleich eine falsche Botschaft erzeugen. Das Faktum ist richtig. Die Erzählung ist es nicht.
„Solange wir keine gemeinsame Faktenbasis haben, auf der wir diskutieren, können wir keine gemeinsamen Lösungen erarbeiten — egal für welches Thema."
Wer profitiert davon, wenn Wahrheit unscharf wird?
Es gibt zwei große Treiber. Der eine ist Macht. Sicherheitsbehörden benennen offen, dass staatliche Akteure — vor allem Russland und China — gezielt Informationen streuen, um Gesellschaften zu polarisieren und demokratische Prozesse zu destabilisieren. Der andere Treiber ist Geld.
Desinformation ist profitabel. Emotionale, skandalisierende Inhalte werden geklickt. Klicks bringen Einnahmen. Eine tiefgründig recherchierte Geschichte über Klimaschutzmaßnahmen klickt sich schlechter als die Behauptung, CO₂ sei überhaupt kein Problem. Das Geschäftsmodell belohnt Empörung — unabhängig davon, ob politische Absicht dahintersteht oder nicht.
„Wenn wir merken, irgendwas kommt bei uns in Wallung — Empörung, Wut oder auch große Erleichterung — sollten wir direkt skeptisch werden."
Das eigentliche Ziel: Vertrauen zerstören
Eva-Maria Verfürth verweist auf Anne Applebaums Analyse in Die Achse der Autokraten: Autokratien investieren in Desinformation nicht, weil sie eine bestimmte Meinung durchsetzen wollen. Sie investieren, weil sie Demokratien destabilisieren wollen. Der direkteste Weg dazu ist nicht die große Lüge, sondern das systematische Untergraben von Vertrauen — in Medien, Institutionen, Wissenschaft, demokratische Prozesse. Wer an nichts mehr glaubt, zieht sich zurück. Wer sich zurückzieht, verändert nichts. Das ist das Ziel.
„Es gibt diesen schönen Spruch: It's hard to hate people up close. Je näher wir den Leuten sind, desto weniger Hass haben wir."
Was Journalismus leisten muss — und was er zu oft nicht tut
Das Problem ist nicht nur Desinformation von außen. Es ist auch eine Logik von innen: Medien, die auf Klickzahlen angewiesen sind, bedienen dieselbe Empörungsökonomie, die Desinformation befeuert. Jede Provokation wird zum Aufmacher, während die Geschichten, die wirklich Kontext geben würden, kaum Raum finden.
Dazu kommt eine strukturelle Lücke. Ein Positionspapier unter Leitung des Medienwissenschaftlers Ladislaus Löwisch von der Universität Frankfurt hat untersucht, wie viel Platz Themen aus dem Globalen Süden in deutschen Medien einnehmen: rund zehn Prozent der Berichterstattung — obwohl dort 85 Prozent der Weltbevölkerung leben.
„Solange wir 85 % der Weltbevölkerung in nur 10 % unserer Medien abbilden, entwickeln wir keine Empathie. Wir übersehen Lösungen, die anderswo längst erprobt sind."
Was tatsächlich funktioniert: Finnland und Taiwan
Finnland: Bildung als erste Verteidigungslinie
Finnland belegt seit Jahren Platz eins im europäischen Media Literacy Index. 2014 wurde Medienkompetenz als übergreifendes Leitthema in den nationalen Lehrplan aufgenommen — für alle Fächer, alle Jahrgangsstufen, beginnend im Kindergarten. Kari Kivinen, ehemaliger Schulleiter in Helsinki und heute beim EUIPO, hat erklärt, warum das schon bei Fünfjährigen funktioniert: Die grundlegenden Konzepte — was ist eine Lüge, was ist ein Irrtum, was ist eine Verzerrung — lassen sich an Konflikten im Kindergartenalltag ebenso gut erklären wie an sozialen Medien.
Taiwan: Crowdintelligenz, Humor und Partizipation
Taiwan steht unter massivem Druck chinesischer Desinformationskampagnen — und hat dennoch, laut Bertelsmann Transformation Index 2024, gesellschaftliche Polarisierung weitgehend eingedämmt. Audrey Tang, ehemalige Hackerin und erste Digitalministerin des Landes, hat eine Plattform auf dem Messenger-Dienst Line eingerichtet, auf der Nutzer:innen verdächtige Informationen melden können. Antworten kommen von professionellen Fact-Checkern und aus der Community — nach dem Wikipedia-Prinzip. Wer selbst einmal Fakten validiert hat, erkennt Desinformation besser. Dazu: Humor. Taiwan hat während der Corona-Pandemie gezielt mit Memes gearbeitet, weil gemeinsames Lachen Gräben überwindet, wo Polarisierung Abstand will.
Was das für uns bedeutet
Bildung, Partizipation, lösungsorientierter Journalismus, Crowdintelligenz — es braucht all das, und es braucht die Bereitschaft, voneinander zu lernen. Auch über Kontinente hinweg. Eva-Maria Verfürth und ihr Team bei E+Z und D+C arbeiten genau dagegen an: für mehr Stimmen aus dem Globalen Süden, für mehr Empathie, für Geschichten, die zeigen — es geht.
Links & Quellen
- E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit / D+C Development and Cooperation
- D+C: Finnland-Interview mit Kari Kivinen
- D+C: Taiwan-Interview mit Audrey Tang
- Global Risks Report 2025 — World Economic Forum
- Media Literacy Index — Open Society Institute Sofia
- Bertelsmann Transformation Index 2024
- Anne Applebaum: Die Achse der Autokraten — Siedler Verlag, 2024
- Podcast Troll Army — Russlands Krieg im Internet — Spotify/dpa
Das vollständige Gespräch anhören — auf Spotify, Apple Podcasts, Deezer und Amazon Music.
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